Lügendetektortest und der mögliche Einfluss vom Vagusnerv
Ein Forschungsansatz vom Dipl.-Ing.-Päd. Holger Leutz über die zeitversetzte Ergebnisverschiebung im Lügendetektortest unter besonderer Betrachtung des parasympathischen Systems, insbesondere Betrachtung vom Vagusnerv
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🧠 Lügendetektor versus Vagusnerv
Was verrät die Herzfrequenzvariabilität über die Reaktion auf eine relevante Frage?
Moment, Punkt. Schauen wir noch einmal genauer hin.
Ein Lügendetektor-Test misst nicht unmittelbar eine Lüge. Er registriert physiologische Veränderungen des menschlichen Körpers, die während einer Untersuchung auftreten können. Dazu gehören unter anderem Atmung, kardiovaskuläre Aktivität und elektrodermale Reaktionen.
Doch was geschieht eigentlich in den ersten Sekunden nach einer relevanten Frage?
Genau dieser Frage gehe ich derzeit im Rahmen meiner eigenen fachlichen Untersuchungen und Auswertungen nach.
🔬 Lügendetektor-Test
❤️ Herz-Kreislauf-System
🫁 Atmung
🧠 zentrale Verarbeitung
🌀 Vagusnerv & autonome Regulation
📈 HRV – Herzfrequenzvariabilität
🔎 Eine Beobachtung aus der Praxis
Seit vielen Jahren analysiere ich Polygraphenuntersuchungen und die dabei entstehenden physiologischen Messkurven.
Bei der erneuten Betrachtung von Untersuchungen aus den Jahren 2006 bis 2026 ist mir eine Fragestellung besonders aufgefallen:
Was geschieht unmittelbar nach dem Ende beziehungsweise der Präsentation einer relevanten Frage?
Bei einzelnen, zunächst schwer eindeutig zu beurteilenden Messungen zeigt sich nach meiner bisherigen Beobachtung bereits innerhalb von etwa ein bis zwei Sekunden eine auffällige Veränderung im kardiovaskulären Signal.
Interessant wird diese Beobachtung insbesondere dann, wenn sich die Veränderung im kardiovaskulären Bereich zeigt, während die Atmung zunächst keine vergleichbare Veränderung erkennen lässt.
In anderen Fällen kann zusätzlich eine Abflachung der Atmung auftreten.
Diese unterschiedlichen Reaktionsmuster werfen eine wichtige wissenschaftliche Frage auf:
«Sind in der zeitlichen Dynamik der physiologischen Reaktion Informationen enthalten, die bei einer ausschließlich längerfristigen Betrachtung der Messkurve möglicherweise weniger deutlich sichtbar werden?»
❤️ Der Vagusnerv – eine bislang unterschätzte Perspektive?
Das autonome Nervensystem reguliert zahlreiche lebenswichtige Funktionen des Körpers.
Der Vagusnerv ist dabei ein wesentlicher Bestandteil des parasympathischen Nervensystems und steht unter anderem mit der Regulation der Herzaktivität in Verbindung.
Eine Polygraphenmessung misst den Vagusnerv allerdings nicht direkt.
Das ist wissenschaftlich wichtig.
Eine Veränderung des kardiovaskulären Messsignals darf deshalb nicht einfach als unmittelbarer „Vagusnachweis“ bezeichnet werden.
Vielmehr stellt sich die Frage, ob sich Veränderungen der kardialen autonomen Regulation anhand geeigneter Messverfahren genauer untersuchen lassen.
Hier kommt die HRV – Herzfrequenzvariabilität ins Spiel.
📈 HRV – ein möglicher zusätzlicher Blick auf die Messung
Die Herzfrequenz ist nicht vollkommen gleichmäßig.
Zwischen zwei Herzschlägen bestehen sogenannte RR- beziehungsweise NN-Intervalle, deren zeitliche Abstände sich ständig geringfügig verändern.
Diese Veränderungen bilden die Grundlage der Herzfrequenzvariabilitätsanalyse (HRV).
Die HRV kann zusätzliche Informationen über die Regulation des Herz-Kreislauf-Systems liefern.
Damit eröffnet sich eine interessante Fragestellung für die Polygraphie:
Was passiert mit der Herzfrequenzvariabilität unmittelbar nach einer relevanten Frage?
Und noch wichtiger:
Verändert sich die HRV in einer charakteristischen zeitlichen Beziehung zu den gleichzeitig aufgezeichneten Polygraphensignalen?
⏱️ Die ersten Sekunden könnten entscheidend sein
Bei einer klassischen Polygraphenaufzeichnung wird eine physiologische Reaktion nicht ausschließlich anhand von ein oder zwei Sekunden beurteilt.
Das ist nachvollziehbar.
Physiologische Reaktionen entwickeln sich über einen gewissen Zeitraum.
Dennoch kann gerade der Beginn einer Reaktion von besonderem Interesse sein.
Meine derzeitige Arbeitshypothese lautet deshalb nicht:
❌ „Eine Reaktion innerhalb von zwei Sekunden beweist eine Täuschung.“
Sondern wesentlich vorsichtiger:
✅ „Die frühe zeitliche Dynamik einer kardiovaskulären Reaktion könnte zusätzliche Informationen über die autonome Reaktionsverarbeitung eines relevanten Stimulus enthalten.“
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Denn eine physiologische Reaktion kann viele Ursachen haben.
Angst, Anspannung, Überraschung, Erwartung, kognitive Belastung, emotionale Bedeutung und andere Faktoren können ebenfalls Veränderungen der körperlichen Regulation hervorrufen.
Deshalb muss eine mögliche HRV-Komponente im gesamten Untersuchungszusammenhang betrachtet werden.
🧠 Gehirn – autonome Regulation – Herz
Eine relevante Frage wird nicht einfach von einem Messgerät „beantwortet“.
Zwischen dem gesprochenen Stimulus und der messbaren körperlichen Reaktion stehen komplexe Prozesse:
🗣️ Frage / Stimulus
↓
🧠 Wahrnehmung und kognitive Verarbeitung
↓
🧠 Bewertung der Bedeutung des Stimulus
↓
⚡ autonome Regulation
↓
❤️ kardiovaskuläre Reaktion
↕
🫁 respiratorische Regulation
↓
📈 messbares physiologisches Signal
Strukturen des zentralen Nervensystems, darunter auch Netzwerke, an denen die Amygdala beteiligt ist, können bei der Verarbeitung emotional oder persönlich bedeutsamer Reize eine Rolle spielen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass eine einzelne Messkurve unmittelbar „die Amygdala“ oder „den Vagusnerv“ abbildet.
Genau hier beginnt die wissenschaftlich interessante Arbeit.
🔬 Vom Polygraphen zur erweiterten physiologischen Analyse
Als Diplom-Ingenieur-Pädagoge Holger Leutz, Leiter der Detektei und Forensik Leutz, beschäftige ich mich seit vielen Jahren nicht nur mit der praktischen Durchführung von Untersuchungen, sondern auch mit der Frage, wie vorhandene Untersuchungsmethoden fachlich weitergedacht und kritisch überprüft werden können.
Wissenschaftliches Arbeiten bedeutet für mich dabei nicht, möglichst schnell eine spektakuläre Erklärung zu präsentieren.
Es bedeutet:
Beobachten.
Hinterfragen.
Vergleichen.
Messen.
Überprüfen.
Und gegebenenfalls die eigene Annahme wieder verwerfen.
Genau deshalb werden auch ältere Untersuchungen erneut betrachtet, wenn sich aus ihnen neue Fragestellungen ergeben.
Die erneute Analyse von Polygraphenaufzeichnungen aus unterschiedlichen Jahren ermöglicht dabei einen ungewöhnlichen Blick auf die zeitliche Dynamik physiologischer Reaktionen.
🧪 Eine Hypothese ist noch kein Beweis
Die derzeitige Überlegung lautet vereinfacht:
«Könnte eine zeitlich hochaufgelöste Betrachtung der kardiovaskulären Reaktion in Verbindung mit einer HRV-Analyse zusätzliche Erkenntnisse über autonome Reaktionsprozesse während eines Polygraphentests liefern?»
Diese Frage ist offen.
Sie ist Gegenstand weiterer Untersuchungen.
Insbesondere muss geprüft werden,
- ob sich das beobachtete frühe Reaktionsmuster tatsächlich reproduzieren lässt,
- ob es bei wahrheitsgemäßen und täuschenden Antworten unterschiedlich auftritt,
- welche Rolle die Atmung dabei spielt,
- ob Veränderungen der RR-Intervalle zeitlich mit den beobachteten kardiovaskulären Reaktionen zusammenfallen,
- welche HRV-Parameter hierfür geeignet sind,
- und ob ein solcher Ansatz gegenüber einer konventionellen Betrachtung der Polygraphenkanäle tatsächlich einen zusätzlichen Informationsgewinn bietet.
Erst wenn solche Fragen systematisch untersucht wurden, lässt sich beurteilen, welche Bedeutung dieses Phänomen tatsächlich besitzt.
🧭 Lügendetektortest neu betrachtet
Der klassische Polygraph liefert bereits mehrere physiologische Informationskanäle.
Eine zusätzliche HRV-basierte Betrachtung könnte möglicherweise eine weitere Ebene eröffnen:
Nicht nur: Wie stark verändert sich ein Signal?
Sondern auch:
Wann beginnt die Veränderung? Wie entwickelt sie sich? Welche physiologischen Systeme verändern sich gleichzeitig – und welche gerade nicht?
Diese Betrachtungsweise führt weg von einer rein visuellen Beurteilung einzelner Ausschläge und hin zu einer zeitlich differenzierten Analyse physiologischer Reaktionen.
Dabei bleibt eine Grundregel unverändert:
⚠️ Eine physiologische Reaktion ist nicht automatisch eine Lüge.
Der Lügendetektor misst körperliche Reaktionen.
Die fachliche Aufgabe besteht darin, diese Reaktionen im Kontext der Fragestellung, der Untersuchungsbedingungen und der gesamten Messung zu bewerten.
🔬 Forschung beginnt manchmal mit einer einfachen Frage
Manchmal entsteht eine wissenschaftlich interessante Fragestellung nicht im Labor, sondern beim erneuten Betrachten einer Messkurve.
Man sieht etwas.
Man hält inne.
Man fragt sich:
„Warum passiert das genau dort?“
Und dann schaut man noch einmal hin.
Genau daraus ist die aktuelle Fragestellung „Lügendetektor versus Vagusnerv“ entstanden.
Ob sich daraus tatsächlich ein belastbarer neuer analytischer Ansatz für die Polygraphie, den Lügendetektortest und mithin- wichtig!... die gesamte aussagepsychologische UNtersuchung insbesondere Kriterienanalyse und merkmalsorientierter Inhaltsanalyse entwickeln lässt, ist derzeit noch offen.
Die Untersuchung hat begonnen. Liebe Leser: es ist so spannend! Also- wie immer beim Dipl.-Ing.-Päd. Holger Leutz:
Moment, Punkt. Schauen wir noch einmal genauer hin.